Tech Bro Topia - Ideologien der Tech-Oligarchen
Tech Bro Topia - Ideologien der Tech-Oligarchen
Diese 6-teilige Dlf-Doku-Serie beschäftigt sich mit dem ideologischen Denken von Elon Musk, J.D. Vance & Co. Sie ergründet das Weltbild der Milliardäre aus Kalifornien: Wie wurden ihre Zukunftsvisionen dunkel und autoritär, wie wurden aus wunderlichen Nerds dominante Tech Bros?
Teil 1: Mit der roten Pille zur Macht
Einleitung: "Sommer 2025: Die USA vollziehen den Schwenk zum Autoritarismus. Mittendrin die Tech-Bros aus dem Silicon Valley. Sie wollen den Staat abschaffen und den Weltraum kolonisieren. Aber wie kommen sie auf solche Ideen?"
Teil 2: Hippies im Whirlpool
Einleitung: "Einst waren San Francisco und die Bay Area Hotspot der Hippie-Bewegung, dann kamen die Nerds. Ob Rebellion gegen Staat und Establishment oder ein Gefühl von Freiheit - was verbindet die linken Hippies von damals mit den rechten Tech-Bros von heute?"
Teil 3: Der Wille des Universums
Einleitung: "Technologie wird uns alle retten, wenn wir die Zweifler und Regulierer endlich loswerden: Das ist die frohe Botschaft von Tech-Mogul Marc Andreessen. Für ihn ist Technologie eine Religion. Im Tech-Bro-Land wird er dafür gefeiert."
Transkript (Auszüge):
(ab Minute 2:30)
Der Verkauf seiner Firma Netscape hat ihn auf einen Schlag zum Multimillionär gemacht. Mit gerade mal 24.
Knapp 30 Jahre später: Für New York Times-Journalist Ezra Klein ist Marc Andreessen Silicon Valleys Chef-Ideologe. Er hat maßgeblich die Verschmelzung der Tech-Welt mit der Trump-Regierung vorangetrieben. Nach der Wahl war er öfter in Trumps Hauptquartier Mar-a-Lago und hat bei der Regierungsbildung mitgeholfen.
Vielleicht dem besten Team seit Eisenhower, wie er zu Podcaster Lex Friedman sagt.
Dabei sah das 2023 noch ganz anders aus. Da klingt Marc Andreessen nicht so happy wie bei Joe Rogan. Im Gegenteil:
"Man sagt uns, wir sollen unser Geburtsrecht aufgeben. Unsere Intelligenz, unsere Kontrolle über die Natur, unsere Fähigkeit, eine bessere Welt zu schaffen. Man sagt uns, wir sollen pessimistisch sein."
Am 16. Oktober postet Marc Andreessen auf der Website seiner Firma Andreessen Horowitz eine Message für das Silicon Valley, die amerikanische Nation und sowieso für die ganze Welt.
Das techno-optimistische Manifest:
"Wir glauben, dass es kein materielles Problem gibt, das nicht mit mehr Technologie gelöst werden kann. Wir glauben an die Romantik der Technologie, der Industrie, an den Eros der Eisenbahn, des Autos, des elektrischen Lichts, des Wolkenkratzers und an den Mikrochip, das neuronale Netzwerk, die Rakete, das gespaltene Atom."
[..]
Er ruft da nicht weniger als eine geistig-moralische Wende aus. Die Tech-Branche soll aufstehen. Technologie sei der Gott und der heroische Mensch fällt her in seinem Dienste.
Noch eine Kostprobe?
"Ich bringe die frohe Kunde. Es ist wieder Zeit, die Technologieflagge zu hissen. Es ist Zeit, Techno-Optimist zu sein."
Das Credo, das dieses Manifest transportiert, ist, Technologie ist Kern der westlichen Zivilisation. Und diese Zivilisation soll endlich wieder stolz sein dürfen auf ihre Überlegenheit.
Für Andreessen sind natürlich die USA die Führungsmacht der Welt. Ihr Kronjuwel, der Tech-Mensch. Aber diesem Tech-Menschen geht es nicht so gut. Schuld an der gefühlten Erniedrigung ist das, was die Medien den Tech-Lash nennen.
Ende der 10er-Jahre schwindet nämlich der Glaube an die Tech-Utopien aus dem Silicon Valley.
[Einige Schlagzeilen aus dieser Zeit:] "Die US-Spionageaffäre belastet verstärkt die Beziehungen zwischen Europa und den USA. Mehrere Länder, auch Deutschland, reagierten verärgert" | "In London haben Ermittler im Zuge des Datenskandals bei Facebook die Firma Cambridge Analytica durchsucht" | "Mehr als jeder 4. Jugendliche hat aktuell einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum"
Facebook wird in der öffentlichen Wahrnehmung zur Datenkrake und zur Fake-News-Schleuder, soll Schuld an der Verrohung der Gesellschaft sein.
Der Begriff Tech-Lash meint aber auch weniger konkrete Dinge. Technologiekritik im Allgemeinen, die Postwachstumsbewegung oder Fridays for Future.
Andreessen sagt, Schluss damit.
"Technologie muss befreit werden von den Einflussen auf die Gesellschaft. Den Ausnahmen der Politik und den Versuchen der Politik, diese auf irgendeine Art und Weise zu entschleunigen oder auszubremsen oder so was. Das verbindet sich mit dem Versprechen, dass die Technologie uns befreien wird. Von allen Problemen, die wir so kennen. Weil das technikdeterministische Versprechen da drin liegt, das in der Technologie angelegt ist und das automatisch passieren will. Deswegen sollten wir die Technologie einfach machen lassen. Hände weg und die Technologie wird uns in eine utopische, optimistische Zukunft wenden." Das sagt die Ökonomin Laura Hille von der Uni Lüneburg, die dort zu Zukunftsideologien arbeitet.
Wir kennen sie schon gut aus der letzten Folge. Der Technologiedeterminismus nimmt bei Marc Andreessen fast schon religiöse Züge an. Er glaubt, dass Innovationen wie die Dampfmaschine, der PC oder künstliche Intelligenz vorgezeichnete Schritte sind auf dem Weg zum technologischen Übermenschen, wie er das nennt.
Ach ja, und den Untergang der Zivilisation will Andreessen mit seinem techno-optimistischen Manifest natürlich auch noch verhindern:
"Wir sind in einer Art sanftem Autoritarismus gelandet. Wir werden erdrückt von einer unglaublich repressiven Schicht aus staatlichen Vorschriften, einer Vetokratie. Wir sollen nicht auffallen, Abenteuer suchen, aufregen sein. Wir sollen uns schlecht fühlen für alles, was wir tun. Meiner Ansicht nach sind all unsere Probleme selbst verschuldet. Niedergang ist eine Entscheidung. Ganz ehrlich, mit der Wahl vom November sind die Leute fertig damit."
Das war im Januar, eine Woche nach Donald Trumps Amtsantritt im Podcast von Lex Friedman. Marc Andreessen glaubt an die Wende durch Donald Trump und dessen Programm. Endlich wird die Techno-Kapitalmaschine befreit und kann auf vollen Touren laufen. Zum Wohle der Menschheit.
[..]
(ab Minute 9:25)
Für BasedBethJesus und Marc Andreessen ist ein Begriff zentral.
Die Techno-Kapitalmaschine:
"Wir glauben an den Akzelerationismus, damit die Aufwärtsspirale des Techno-Kapitals ewig anhält." Zwei Jahre zuvor, am 31.
Mai 2022 twittert BasedBethJesus, der sich damals noch BasedBeef nannte, ein Threat:
"Wir stellen vor, den effektiven Akzelerationismus. E/acc ist ein direktes Produkt der Tech-Twitter-Schizosphäre. Das Ziel ist ganz einfach, die Ankunft eines allumfassenden Bewusstseins im Kosmos zu beschleunigen, welche Form auch immer dieses annehmen wird."
Wenn Andreessen und sein techno-optimistisches Manifest die Durchsage von ganz oben sind, dann sind BasedBethJesus, sein Twitter-Kumpel Baselord und ihr effektiver Akzelerationismus das Gegenstück. Der Angriff von unten. Anonym, konspirativ, ein Guerilla-Angriff auf den Diskurs. Ein meme-optimistischer Virus, wie sie selbst sagen. Und mit Worten wie Twitter-Schizosphäre auch ein ziemlicher Fiebertraum.
Auch der E-Egg hat ein Manifest:
"Um sich zu den Sternen auszubreiten, muss das Licht des Bewusstseins auf nicht-biologische Substrate übertragen werden. Hören Sie auf, den thermodynamischen Willen des Universums zu bekämpfen. Sie können die Beschleunigung nicht stoppen. Sie können sie auch gleich mitbeschleunigen."
Das Manifest des effektiven Akzelerationismus ist vor allem eine Art Physik-Religion.
Die Autoren leiten alles, vom Urknall bis zur Evolution, Leben im Universum, Schicksal der Menschheit, aus der Physik ab. Sie sei sowas wie der Wille des Universums. Sie nennen sich auch eine Meta-Religion und schreiben Sätze wie "das göttliche Erbauen, göttlich Werden".
"Der Kerngedanke ist immer wieder, dass der menschliche Geist vom Substrat-Tierkörper gelöst wird. Und dann, das ist so eine Art totale Befreiungsidee, sich vollkommen frei neue Träger suchen kann. Dass er dadurch, dass er Sicherungsrupinen von sich machen kann, die Wahrscheinlichkeit, dass er vernichtet wird, dieses selbstbewusste Ich, sehr gering ist."
- Das ist Christopher Köhnen vom Karlsruher Institut für Technologie. Einer der führenden Experten für Transhumanismus.
"Dann wird z.B. vorgeschlagen, dass er auf Roboterkörpern oder mit synthetischer Biologie geschaffenen fleischlichen Körpern, aber halt neu geschaffen, weiter existieren kann."
Wir sollen Götter werden, unseren Geist in die Cloud verlegen und uns unendlich modifizieren und vervielfältigen können. Wie soll das gelingen? Unsere Gehirne auf Festplatten in Robotern verbaut?
"Also, Akzelerationismus kommt ja erst mal von Akzeleration. Akzeleration bedeutet Beschleunigung."
- Hannah Wallenfels, Philosophin mit Schwerpunkten Cyberfeminismus, Akzelerationismus und Science-Fiction.
Andreesens Techno-Optimismus und der effektive Akzelerationismus haben v.a. eine Forderung gemeinsam: Weg mit den Bremsen, Entfesselung der Kräfte.
[..]
(ab 15:39)
Mit dem effektiven Akzelerationismus hat er die Bewegung der Tech-Elite ins Leben gerufen, wie Forbes sie nennt.
Führende Figuren der Tech-Bro-Szene haben ihn auf Twitter angekumpelt. "You cannot out-accelerate me", antwortete Open-AI-Chef Sam Altman. Gary Tan, der Chef von Y-Combinator, dem wichtigsten Gründerzentrum im Silicon Valley und viele andere aus der Szene setzten e/acc in ihre Twitter-Accounts.
In einem TED-Talk im Oktober 2024 hat Verdon seine Vision präsentiert:
"Für mich ist Kultur eine Art Software, die auf Menschen läuft. Und genau wie wir die Parameter eines Programms anpassen können, können wir die Parameter unserer Kultur anpassen, um die Zivilisation skalieren zu können."
"Meine Bewegung vertritt die Akzelerationismus-Fraktion. Indem wir optimistisch in die Zukunft blicken, Wachstum priorisieren, zusammenarbeiten, können wir die Wahrscheinlichkeit der Science-Fiction-Zukunft erhöhen, von der wir immer geträumt haben. Meine Mission ist es, Zivilisation und Intelligenz im gesamten Universum mithilfe physikbasierter und inspirierter Technologien zu skalieren."
Based Beth Jesus ist für Guillaume Verdon so was wie ein alter Ego. Jemand ganz anderes, eine Art Gaming-Figur. Er spielt sie, macht Quatsch, trollt herum mit ihr, gründet eine Bewegung mit Milliarden Anhängern, wie er behauptet.
Wenn man im Zeitalter von Social Media eine Ideologie kreieren will, muss man sie so aufsetzen, dass sie viral geht, sagt er.
"Unser Feind ist das Vorsorgeprinzip, das praktisch jeden Fortschritt seit der Nutzung des Feuers durch den Menschen verhindert hätte. Das Vorsorgeprinzip fügt unserer Welt auch heute noch ein enormes, unnötiges Leid zu. Es ist zutiefst unmoralisch und wir müssen es loswerden."
Der Feind, das sind sogenannte D-Cells und Doomer, also Entschleuniger. Zum Beispiel die KI-ExpertInnen, die die Entwicklung lieber bremsen und kontrollieren wollen.
Als D-Cell gilt, wer Technologien wie übermenschliche KI oder künstliche Viren testen möchte, um sicherzugehen, dass nicht vielleicht doch irgendwas Schlimmes passiert, zum Beispiel die Menschheit ausgelöscht wird.
"Wenn KI tatsächlich den Fortschritt in puncto Gesundheit und Langlebigkeit beschleunigen könnte, würden im Grunde nur wegen eines möglichen Zukunftsrisikos Milliarden von Menschen getötet."
- Das ist Max Moore, Philosoph und Vordenker des Transhumanismus. Akzelerationisten sind gegen das Vorsorgeprinzip. Sie sind dagegen, erst zu kontrollieren, zu regulieren und dann freizugeben.
Der Zeitverzug würde mehr Menschen schädigen als die unkontrollierte Freigabe, so das Argument von Max Moore. Er hat deswegen das Proactionary Principle in die technophilosophische Debatte eingeführt. Kurz gesagt, nicht regulieren, sondern laufen lassen.
Proaktiv eben. Marc Andreessen und Guillaume Verdun und die gesamte Bewegung verfechten dieses Prinzip. Durch Vorsorge, Tests und Regulierung würden Innovationen verzögert und das koste Menschenleben.
Im Gespräch mit Lex Friedman vergleicht Andreessen das mit Jetpiloten im Krieg, die in seinen Augen so schnell wie möglich durch KI-gesteuerte Drohnen ersetzt werden sollten.
"Ich denke, es ist offensichtlich, dass diese Maschine eine viel bessere Entscheidung trifft als ein menschlicher Pilot. Menschen sind bei so einer Entscheidung schlimm, einfach furchtbar."
Beschleunigung also um jeden Preis. Nur so kann die Menschheit gerettet werden. Das ist das Mindset des Techno-Optimismus und des effektiven Akzelerationismus.
Aber Marc Andreessen und Guillaume Verdun haben sich das alles nicht aus dem Nichts ausgedacht. Die philosophischen Wurzeln des Akzelerationismus reichen bis tief in die 90er Jahre zurück. Zu einem Philosophen, der heute vielen als dunkler Lord gilt: Nick Land.
"Kombinieren Sie Technologie und Märkte und Sie erhalten das, was Nick Land die Techno-Kapitalmaschine genannt hat. Den Motor ständigen materiellen Schaffens, Wachstums und Überflusses."
Begeistert ist dieser Nick Land von seinen Epigonen in Kalifornien nicht. Das macht er im YouTube-Kanal Theory Underground sehr deutlich.
"Es gibt da den effektiven Akzelerationismus, e/acc. Das ist sicher gute PR. Aber auch eine gewisse philosophische Enttäuschung. Dieses Denken hat doch etwas von Selbsttäuschung. Wenn die radikale Zukunft eine Art Star-Trek-Szenario mit höheren Primaten im Weltraum sein soll."
Nick Land ist heute so verrufen wie kaum ein Philosoph der Gegenwart. Kein Wunder, seine Devise war, in der Philosophie geht es nur um eins: Ärger machen.
Land war unser Nietzsche, hat sein Schüler Mark Fischer gesagt. Irgendwann stieß Nick Land in den Tiefen des Internets auf einen anderen Außenseiterdenker mit dunkler Aura.
"Zweck eines Königs ist, König zu sein. Und Zweck eines Untertanen ist, untertan zu sein. Der Versuch, die Rollen zu vermischen, macht alles kaputt."
Und da kommt wieder Mark Andreessen ins Spiel. Der nämlich darf im YouTube-Kanal der Hoover Institution, das ist ein Eliten-Think-Tank in Stanford, der sich laut Selbstbeschreibung fürs Wohl der Menschheit und den Weltfrieden einsetzt, Folgendes sagen:
"Einer meiner Freunde, Curtis Yavin, hat einen tollen Spruch. Wir leben in einer 80-jährigen Evolution der persönlichen Monarchie Roosevelts."
Mit Curtis Yavin und Nick Land wird es düster. Wir schauen uns die Bewegung der dunklen Aufklärung genauer an. Wie dunkel die ist? In der nächsten Folge von Tech Bro Topia.
Teil 4: Sith-Lords auf Speed
Einleitung: "Nick Land, selbst ernannter „Hyperrassist“, und Curtis Yarvin, ein rechter Blogger, liefern das Gedankengut für den Flirt der Tech-Bros mit dem Rechtsradikalismus. Der Einfluss ihrer sogenannten Neoreaktionären Ideologie reicht bis ins Weiße Haus."
Transkript (Auszüge):
J.D. Vance 2021 im Podcast Jack Murphy Live. Der jetzige US-Vizepräsident spricht über Curtis Yarvin:
Die USA seien keine Republik mehr, sondern ein Verwaltungsstaat. Und der müsse entweder übernommen oder beseitigt werden.
[..]
J.D. Vance, Marc Andreessen und Curtis Yarvin. Sie stehen für den Angriff auf die US-Demokratie. Vance für die Regierungsspitze, Andreessen für die Tech-Brawley-Garchen und Yarvin für rechte Metapolitik.
Und dann ist da noch einer. Würde man die Runde aufstellen, würde er etwas außerhalb stehen. Vielleicht eher in einer dunklen Ecke: Der britische Philosoph Nick Land.
"Accelerationism is the basic belief that our technological capacities can and should be let loose by moving beyond the limitations imposed by capitalist society."
So hört er sich an. 2023 im Online-Seminar "The Concept of Acceleration".
"Die Psychose ist ein Teil dessen, was Nick als Philosoph ausmachte. Er nahm das experimentelle Denken ernst. Und er hat sich dem auch in seinem Leben verschrieben. Man könnte sagen, er opferte sein eigenes Gehirn dafür."
Flashback in die letzte Folge: Da ging es um zwei fast schon religiöse Bewegungen aus dem Silicon Valley, die Technologie als Menschheitsprinzip schlechthin beschwören.
Den Techno-Optimismus und den effektiven Akzelerationismus, e/acc. Beide feiern den Akzelerationismus und seinen Erfinder, Nick Land. Der Begriff Akzelerationismus fällt gerade häufiger, vor allem in der Berichterstattung über KI.
In der Tech-Welt läuft ein Wettkampf der Systeme. Meta, Google, OpenAI oder xAI investieren gerade Abermilliarden Dollar auf dem Weg zur AGI. Der KI, die wirklich alles, was wir tun müssen oder wollen, genauso gut oder besser kann als der Mensch.
Chat-GPT ist da nur ein Zwischenstopp. Und weil das nicht zuletzt ein Mega-Geschäft ist, soll es am besten keinerlei Schranken geben. Im Gegenteil, die Beschleunigung soll weiter beschleunigt werden.
Wer Regulierung will, ist ein Doomer, ein Untergangsprophet.
Akzelerationismus ist einer der Kernbegriffe in der Debatte um die Tech-Bros und ihre Ideologie.
[..]
(ab 09:02)
An Nick Land kommt man damals nicht vorbei. Leute reden von seiner magischen Aura. Er sei zugewandt gewesen, diskutierte lieber mit Studierenden in der Bar als mit ProfessorInnen.
Und er fällt auf, allein durch seine Erscheinung. Auf alten Videos sieht man ihn. Hager, mit stechendem Blick, irgendwie eindringlich und unpersönlich.
Und dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man sich durchliest, was er so schreibt:
"Durch das logistisch beschleunigte, technoökonomische Zusammenspiel zerfällt, in einem Durchbrennen sich selbst optimierender Maschinen, die gesellschaftliche Ordnung."
Das ist aus dem Text Meltdown, Kernschmelze, der als Ursprungstext des Akzelerationismus gilt. [..]
Nick Land sieht den Kapitalismus als eine Art Maschine, die nicht gebremst, sondern beschleunigt werden sollte. Also es soll nichts mehr reguliert werden, sondern stattdessen entfesselt.
Und damit geht es, würde ich sagen, Land, darum, im Endeffekt das Kapital vom Menschen zu befreien. Und das ist jetzt so das Gegenteil von linken Akzelerationisten, wo es eher darum ging, den Menschen vom Kapitalismus zu befreien. Den Kapitalismus von Menschen befreien.
Was Nick Land metaphorisch meint und was wortwörtlich, das ist bei ihm nie so ganz klar. Der Kapitalismus erscheint in seinen Texten oft wie ein Akteur, ein Monstrum, das immer übermächtiger wird und den Menschen in den Staub tritt.
"Da er sich auf nichts außer sich selbst bezieht, ist er von Natur aus nihilistisch. Er hat keinen vorstellbaren Sinn, außer der Selbstverstärkung. Er wächst, um zu wachsen. Die Menschheit ist sein vorübergehender Wirt, nicht sein Herr. Sein einziger Zweck ist er selbst."
Das schreibt Nick Land 2017 in seinem Text "A Quick and Dirty Introduction to Accelerationism".
"Es gibt keinen Unterschied zwischen der Zerstörung des Kapitalismus und seiner Intensivierung. Die Selbstzerstörung des Kapitalismus ist das, was er ist. Das Kapital revolutioniert sich selbst vollständiger, als es jede äußere Revolution je könnte."
Christopher Köhnen, Experte für Tech-Ideologien: "Es geht um die Zerstörung von allem, ständige Disruption, macht Sachen kaputt und schreitet voran."
Move fast and break things. Freie Marktwirtschaft mit innovativen Technologien. Im 18. Jahrhundert die Dampfmaschine, in den 90ern das Internet und heute KI. Nick Land nennt das die Techno-Kapitalmaschine.
Und der Tech-Mogul Marc Andreessen im Silicon Valley greift den Ausdruck auf und verwendet ihn in seinem techno-optimistischen Manifest. Andreessen ist bekennender Fan. Er twittert öfter mal über Nick Land. Und selbst Elon Musk hat auf einen Land-Tweet reagiert.
Nur, das mit der Techno-Kapitalmaschine hat Nick Land etwas destruktiver gemeint, als die Tech-Bros das aufgefasst haben:
"Accelerationismus ist im Grunde die Idee, dass die sozialen Auswirkungen und die radikalen Veränderungen des Menschen durch den Prozess einer zunehmend intensivierten Technologie etwas sind, das man eher feiern als verurteilen sollte. Die Idee, dass Technologie das Menschsein und die sozialen Beziehungen verändert, ist im Accelerationismus von daher etwas Positives. Er versucht, die Punkte der größten Intensität radikaler Veränderung der traditionellen Gesellschaftsformen zu identifizieren."
Das Verständnis vom Kapitalismus aber hat sich Nick Land natürlich nicht von alleine ausgedacht. Vieles daran kommt von Karl Marx.
Christopher Köhne nochmal: "Die Kernidee, und das leugnet niemand von denen, ist halt im Kommunistischen Manifest angelegt. Dass der Kapitalismus eine zerstörerische Bewegung ist, aber eine Zerstörung, die durchaus einen emanzipativen Moment hat. Das ist diese Passage, dass alles ständig umstehende verdampft, dass weltweit halt alle Traditionen zerschlagen werden. Dass halt durch den sich globalisierenden Kapitalismus alles Rückständige plattgemacht wird - das sind jetzt meine Worte."
Maya B. Cronic: "Und natürlich ist der Kapitalismus die große Beschleunigungsmaschine der Technologie. Das heißt nicht, dass Kapitalismus zwangsläufig mit Beschleunigung oder Technologie gleichzusetzen ist. Aber der Kapitalismus war de facto auf diesem Planeten der Motor radikaler Veränderungen. Wie schon Marx selbst erkannte, waren es Technologie und Kapitalismus, die uns aus dem Feudalismus herausführten.
Den Feudalismus, den Maya B. Cronic hier erwähnt, haben wir ja schon eine ganze Weile hinter uns gelassen. Und wenn wir mit Nick Land mitgehen, dann bringt uns die technokapitalistische Entwicklung am Ende die Auslöschung der Menschheit.
Ob er das metaphorisch meint oder wirklich ernst, das weiß er wahrscheinlich nur selbst. Aber eine Portion Misanthropie gehört bei Nick Land und seinem Akzelerationismus schon immer dazu.
"Viele Menschen sprechen später zum Beispiel von diesem neoreaktionären Turn oder der Idee, dass Nick Land wahnsinnig wird und dann quasi zu einem rechten oder sogar neofaschistischen Vordenker wird. Tatsächlich muss man sagen, in dem Punkt, wo er quasi das CCIU oder mit die Koordination übernimmt in der Mitte der 90ern, da ist er vor allem bekannt für eine gerade erschienene Publikation, die heißt: 'The Thirst for Annihilation'. Also der Durst nach Auslöschung. Da kann man jetzt eine gewisse Menschenfeindlichkeit eigentlich schon relativ deutlich angelegt sehen. Die kann später eigentlich nicht als Überraschung daherkommen."
Ständiger Drogenkonsum, wildes Denken bis zur Erschöpfung. Lange konnte das nicht gut gehen. Irgendwann um die Jahrtausendwende hatte Nick Land auf der Suche nach einem geistigen Durchbruch dann einen geistigen Zusammenbruch. Damals hatte er ausgiebig mit Drogen, Schlafentzug und psychischer Überlastung experimentiert.
In jedem normativen, klinischen oder sozialen Sinne des Wortes sei Land schlicht und ergreifend verrückt geworden, schreibt sein Verleger Robin McKay. Ob damit sein weiterer intellektueller Weg erklärt werden kann, ist unklar. Dass er in seinen Texten beginnt, reaktionäre und rechtsextreme Thesen zu verbreiten, sollte man damit nicht entschuldigen.
Wir reden hier schließlich von Texten, in denen Land eine überlegene gentechnisch optimierte Elite postuliert und den Rest der Menschheit als Abfall bezeichnet.
Seine Aura als Desperado hat der reaktionäre Turn natürlich keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, für viele ist er eine Art abgründiges Faszinosum.
Die Figur Nick Land ist mittlerweile zu einer Art Meme geworden.
[..]
(ab 18:19)
Einer seiner Financiers und intellektuellen Verbündeten ist der Tech-Milliardär Peter Thiel. Für Nick Land ist dieser Curtis Yarvin der Sith Lord der Neo-Reaktionären. Im Podcast der New York Times wird Yarvin gefragt, wie er mit seinen Ideen umgeht. Warum ein starker Mann besser für das Leben der Menschen sein solle?
"Ich bitte die Leute, sich im Raum umzuschauen und alles zu zeigen, was von einer Monarchie hergestellt wurde. Denn das, was wir Unternehmen nennen, sind eigentlich kleine Monarchien. Und dann schaut man sich um und sieht zum Beispiel einen Laptop. Dieser Laptop wurde von Apple hergestellt. Wenn Apple Kalifornien regieren würde, wäre der Staat dann nicht viel besser geführt, als wenn umgekehrt das MacBook Pro vom kalifornischen Ministerium für Informatik hergestellt würde?"
Seine Philosophie nennt Curtis Yarvin Neokameralismus. Sie enthält eigentlich nicht viel mehr als das, was er hier sagt. Unternehmen sind wie Monarchien, weil sie von einem Alleinherrscher, einem CEO, geführt werden. Sie bringen das Beste für die Menschheit hervor. Und deswegen ist Monarchie die beste Staatsform und die Demokratie muss gestürzt werden.
Über diese Dinge hat Curtis Yarvin im Januar dieses Jahres auch im Podcast der New York Times geredet. Yarvin hängt dabei im Stuhl, die Haare im Gesicht, sein Signature Outfit, eine Motorradjacke aus Leder. Er gibt den Outlaw-Denker.
"Sorry, ich bin hier in diesem Gebäude und ich vergesse mein bestes Argument für die Monarchie zu nennen. Die Menschen vertrauen der New York Times mehr als jeder anderen Quelle der Welt. Und wie wird die New York Times geführt? Sie ist eine absolutistische Erbmonarchie in der fünften Generation."
Yarvin kann gut erzählen, auch wenn er selten beim Thema bleibt. Er schmeichelt den Gastgebern. Er beschwichtigt, dass es nicht wirklich um einen faschistischen Umsturz gehe, sondern ein freundliches, prosperierendes Königreich.
Was er wirklich meint, sagt er so nebenbei, irgendwo in einem Exkurs zu Charles I. von England. Hier, Anfang 2025, im Walk into Welcome Podcast.
"Zweck eines Königs ist, König zu sein. Und Zweck eines Untertanen ist, Untertan zu sein. Der Versuch, die Rollen zu vermischen, macht alles kaputt."
Und Nick Lant, der Yarvin in seinem Text Dunkle Aufklärung schon fast unwürdig hofiert, formuliert glasklar, was am Tag nach der Revolution passiert:
"Wie bei jedem anderen Unternehmen sind die Interessen des Staates nun präzise als Maximierung eines langfristigen Shareholder-Value formalisiert. Die Regierungs AG würde sich darauf konzentrieren, ein effizientes, attraktives, vitales, sauberes und sicheres Land zu führen, das in der Lage ist, Kunden anzuziehen. Keine Stimme, freier Exit."
Der Neustart als Regierungs AG hat aber einen Feind: Die Kathedrale. So nennt Yarvin in seinen Texten die Universitäten und freie Medien. In seinen Augen Orte der Gedankenkontrolle.
"Die Kathedrale ist ein komplex legitimer Informationsquellen. Sie erfüllt in etwa die Funktion des Wahrheitsministeriums in einem klassischen Orwellschen System. Und sie erfüllt die Funktion der Religion in einer klassischen Theokratie."
- Curtis Yarvin im Don't Tread on Anyone Podcast im Dezember 2020. Die Kathedrale muss also weg, damit die neue Elitenherrschaft, so wie Yarvin sie sich vorstellt, entstehen kann.
Und dafür gibt es nur einen Weg, erzählt er dem rechten Star-Journalisten Tucker Carlson:
"Es ist nicht vorstellbar, das zu ändern, ohne einen Präsidenten zu wählen, der sagt, ich bin der Chef der Exekutive, ich werde die Exekutive neu erfinden. Und das tue ich, indem ich die Bestehende umgehe und eine neue schaffe, die alle Macht hat. Was die Leute angeht, die dort jetzt arbeiten, die werden pensioniert."
Retire all government employees. Rage, hat Curtis Yarvin das genannt. Und das erinnert auch verdächtig an... DOGE, Musks "Department of Government Efficiency".
Die Ideen von Curtis Yarvin und Nick Land verbreiten sich in Chats, Onlineforen und über Blogs. Sie landen bei rechtsextremen PolitikerInnen, genauso wie bei Marc Andreessen, Peter Thiel und bei einem Mitarbeiter von Peter Thiel, einem gewissen J.D. Vance. Heute ist Vance der Vizepräsident der USA.
2021 hat er im Podcast Jack Murphy Live zu Yarvins Ideen das hier gesagt:
"Ich glaube, dass wir in keiner echten konstitutionellen Republik mehr leben, sondern in einem Verwaltungsstaat. Der Verwaltungsstaat kontrolliert alles, richtig? Wir sollten den Verwaltungsstaat grundsätzlich abschaffen. Eine andere Möglichkeit wäre, ihn für unsere eigenen Zwecke zu annektieren. Wir sollten dann alle Leute entlassen. Ich glaube, Trump wird 2025 wieder Präsident der Vereinigten Staaten sein. Trump sollte dann, wenn ich ihm einen Rat geben sollte, jeden einzelnen Bürokraten der mittleren Ebene, jeden Beamten im Verwaltungsstaat entlassen und durch unsere Leute ersetzen."
Gerade mal vier Jahre später scheint genau das Wirklichkeit zu werden. Unter J.D. Vance als Vizepräsident. Nur einer ist nicht so ganz glücklich, Curtis Yarvin.
Es gab keinen richtigen Umsturz. Das System steht immer noch. Was für Yarvin aus dieser Lage folgt, sagt er bislang nicht. Ins Spiel kommt er aber in anderer Tech-Bro. Der Ober-Tech-Bro: Elon Musk.
Laut New York Times hat der sich mit Yarvin getroffen, um über sein Projekt einer neuen Partei, der America Party, zu beraten.
Wie genau geredet wurde, ist nicht bekannt. Aber sich von Yarvin, dem Putschisten, dem die rechte Wende durch die Trump-Regierung viel zu lau ist, politisch beraten zu lassen, bedeutet etwas. Und dass Musk im Sinn hätte, den Angriff auf die demokratischen Institutionen zu stoppen und eine Partei der Mäßigung und Mitte zu etablieren, ist unwahrscheinlich.
Das System der zwei Parteien sei am Ende, sagt er. Genau wie Yarvin eben. Im Podcast "Walk-Ins Welcome" hatte der das System mit einem 80 Jahre alten Fahrrad verglichen.
"Trump meint, ich fahre das Ding einfach mal. Und das macht einen komischen Satz nach vorne, fährt ein paar Meter und dann bricht die Gabel auseinander. Und dann wäre es wohl am besten, das Fahrrad neu zu bauen, aus komplett neuen Teilen, Stück für Stück. Aber sie versuchen, das Fahrrad zu fahren. Sie trauen sich einfach nicht."
Ein komplett neu gebautes Fahrrad. Das wäre dann wohl ein komplett neu gegründeter Staat. Und weil das in Groß nicht so einfach geht, probieren die Tech-Bros sich im Kleinen aus. Pläne dafür gibt es natürlich schon.
Was diese "Freedom Cities" sein könnten, von denen Donald Trump spricht? Theresia Enzensberger ist Schriftstellerin. In ihrem Roman Auf See beschäftigt sie sich unter anderem mit dem großen Tech-Komplex:
"Es ist diese Fantasie, dass es einen Ort gibt, wo es eine Tabula Rasa gibt. Dies ist auch eine Fantasie, die im Kolonialismus eine große Rolle gespielt hat. Also das Niemandsland. Da war nichts. Da sind wir hingegangen. Da waren die neue New Frontiers."
Es ist der amerikanische Gründungsmythos, der da wieder beschworen wird. Nur dass dieses Mal eben kein Staat gegründet werden soll, sondern freie Privatstädte.
"Was ist eine freie Privatstadt? Stellen Sie sich ein System vor, in dem Ihnen ein privates Unternehmen als Staatsdienstleister Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum bietet. Das Problem: In der Demokratie funktioniert das nicht."
- Der deutsche Milliardär Titus Gebel war das. Mehr über den Abschied vom Staat, wie wir ihn kannten, in der nächsten Folge von Tech-Brotopia. Eine Podcast-Serie in sechs Folgen.
[..]
Produktion Deutschlandfunk, Juli 2025. Alle Folgen von Tech-Brotopia hört ihr in der Deutschlandfunk-App. Wenn ihr über diesen Podcast hinaus interessiert seid an Hintergründen zur aktuellen News, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, dann lege ich euch noch den Deutschlandfunk-Podcast Der Tag ans Herz.
Teil 5: Disneyland für Auserwählte
Einleitung: "Wer den Staat abschaffen will, braucht einen Plan B. Tech-Milliardäre wünschen sich „Freedom Cities“ – Städte, die nach rein wirtschaftlicher Logik funktionieren. Oder gleich eine eigene Weltraumkolonie. Doch nicht jeder darf mitmachen."
Teil 6: Tausend Mozarts, tausend Einsteins
Einleitung: "Liegt die Lösung all unserer Probleme im Weltraum? In der Erschließung neuer Planeten? Immerhin erklärt Donald Trump die Kolonisierung des Mars zum Schicksal der Nation. Andere wollen noch weiter hinaus. Wo liegen die Grenzen der Tech Bro Topia?"
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